Mother*Fuckers, Emma Murray

Performance: Emma Murray, Nadine Fuchs. Sound Editing: Till Hillbrecht. Technik: Lola Rosarot. Fotos: Drago Videms?ek. Produktionsleitung: Michael Röhrenbach. ?www.milieu-digital.com www.bone-performance.com 

Eingebettet in eine Soundscape suchen zwei  Performerinnen in «Mother*Fuckers» nach subversiven Parallelen in ihrer Arbeit als Mütter und als Künstlerinnen. Auf absurde, erfinderische und liebevolle Weise interpretieren und übersetzen die Performerinnen endlos fliessende Entstehungsprozesse. Ihre Körper sind wie ein unbekanntes Terrain, auf dem nach Identität, Unabhängigkeit und Liebe gefragt wird. Die porösen Grenzen der eigenen Physis werden dabei konstant verhandelt und ausgestellt. 

Die umgangssprachliche Bedeutung des Titels «Mother*Fuckers» ist Programm. 

Denn das lustvolle Spiel mit etwas (play/fuck with) wird hier mit mütterlichen Qualitäten wie Fürsorge vermengt. Murray und Fuchs stellen sich den Herausforderungen der 

(Un-)Abhängigkeit – und zelebrieren sie als Kreativität. 

In der long durational performace, die die Zuschauer*innen von der Laube der Münstergasse aus durch das Ladenfenster vom MILIEU erleben, wird so das normative Verständnis von Mutterschaft und Mütterlichkeit transformiert. Die Performerinnen führen eine auf Intersubjektivität und Gegenseitigkeit basierende Erotik vor, die unterschiedliche Auffassungen von Zuwendung für andere und mit anderen verhandelt. 

«Mother*Fuckers» eröffnet einen Raum, in dem das Selbst mit anderen verschränkt und getrennt zugleich ist.

Momentan gewinnen Gender- und Gleichstellungsthematiken weltweit an Virulenz. Diskutiert wird dabei die Gleichberechtigung, nicht nur im Alltag und in der Arbeitswelt, sondern auch in Bezug auf die Elternschaft. Dabei wird beispielsweise auch vertieft über alternative Familien- und Partnerschaftskonstellationen diskutiert, die nicht der Norm ‚Mann-Frau-Kind(er)’ entsprechen. 

Die Aufwertung von Gleichberechtigungsthemen und der wachsende Protest für Gleichstellungsfragen hat auch mit politischen und sozialen Aktualitäten zu tun, die teilweise veraltete, ungerechte, sogenannt heteronormative Familien- und Frauenbilder proklamieren. Von Genderdiskursen nicht zu trennen sind Diskurse über den Körper. Innerhalb dessen ist wiederum im sozialpolitischen Sinne der schwangere Körper von besonderem Interesse über den äusserst komplexe und teilweise widersprüchliche Diskussionen geführt werden. 

In einer performativen Re-Kontextualisierung auferlegen sich zwei Performerinnen eine Identität, die sich subversiv zu vereinheitlichten sozialen Normen verhält, wobei ihre Körper im Mittelpunkt stehen. Eine Performance, das im wahrsten Sinne des Wortes einen Raum auftut. Ein gewaltiges und dennoch behütendes Vakuum, in dem über Differenz, Anderssein und Ambivalenz nachgedacht wird. Ausgangspunk für die performative Recherche waren binäre Begriffs-Paare wie: Chaos/Ordnung, Behütung/Provokation, Unabhängigkeit/Abhängigkeit, Produktion/Reproduktion, Individualität/Kollektivität sowie Normativität/Transgression. «Mother*Fuckers» ist eine Antwort auf mütterliche Rollenbilder und die gängigen Körper- und Kunstdiskurse, in denen die oben genannten Dichotomien hinterfragt und nicht als solche verstanden werden.

«Mother*Fuckers» konnte am PTL Ljubljana und im Rahmen der KID International Residency in DansStationen in Malmö performativ recherchiert und in einer Residenz im Tanzhaus Zürich vertieft und (re-) konzeptualisiert werden und wurde am 12. Oktober 2017 in Koproduktion mit der Dampfzentrale in Bern in der Bühnenversion zur Uraufführung gebracht. Im November 2017 war «Mother*Fuckers» zu Gast am PTL Ljubljana und im Mai 2018 auf der Fête du Slip im Arsénic Lausanne.

Biografien

Emma Murray 

Begann ihre tänzerische Laufbahn beim Royal New Zealand Ballet, wo sie mit 19 Jahren Solistin wurde. 1997 zog sie nach Europa und war während acht Jahren am Stadttheater Bern engagiert. Seit 2008 arbeitet sie als freischaffende Choreografin. Von 2013 bis 2015 war sie Associated Artist der Dampfzentrale Bern, wobei sie u.a. das transdisziplinäre Projekt «Working Sessions» lancierte, eine Rechercheplattform für kreative Praktiken. Murray kreierte mehrere abendfüllende Stücke, u.a. «My Body is an Island» (2008), «naturalcauses» (2011) und «the way you look tonight» (2014). Emma Murray ist Mutter von zwei Kindern

Nadine Fuchs 

Wurde an der Schweizerischen Ballettberufsschule und an der Ecole Atelier Rudra Béjart ausgebildet. Sie arbeitete und tourte weltweit mit verschiedenen Choreograf*innen und Companien z.B. mit Cie Alias, BernBallett und Cie Nomades Le Loft. Sie ist Ko-Leiterin des Kollektivs DELGADO FUCHS, mit dem sie seit 2012 Artist in Residence im Centquatre, Paris ist. DELGADO FUCHS arbeitet interdisziplinär und wird in internationalen Theater- und Ausstellungsräumen gezeigt. Für das Projekt «A Normal Working Day» kooperiert das Kollektiv seit 2014 mit dem Berner Künstler ZIMOUN. Nadine Fuchs ist Mutter einer Tochter.

Till Hillbrecht ?Bachelor in Musik & Medienkunst und Master of Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern. Till Hillbrecht arbeitet an räumlichen Klanginstallationen und ist als Musiker & DJ unter dem Namen Till/Tape und Trillion Tapeman aktiv. Kompositionen und Klanginstallationen unter anderem für und mit: Werner Cee, Eivind Aarsett, Big Art Group NY, Christoph Keller, Eva Burghardt, Nicole Michel, Emma Murray.  Aktuell arbeitet Till Hillbrecht an Kompositionen für das Kollektiv «Colliding Fields» mit Florian Bürki - ein Hybrid aus Clubästhetik und Surround-Noise für unempfindliche Ohren